Altena startet
Artikel aus Buch und Bibliothek 41. Jahrgang 1989 Heft 5, S. 460-462
Bibliotheksbau
Altena startet ins neue Bücherei-Zeitalter«
Antonius Gusik
»Viel Atmosphäre hinter dicken Mauern«, »Abenteuer-Baustelle jetzt Prunkstück«. Dies waren Schlagzeilen, mit denen die Presse die Wiedereröffnung der Stadtbücherei Altena am 28. Januar 1989 begleitete.
Im Laufe ihrer 125jährigen Geschichte ist die Bücherei bereits sechsmal umgezogen. Seit 1950 war sie in einer ehemaligen Silberschmiede zwar stilvoll, aber auf knapp dreihundert Quadratmetern doch sehr beengt untergebracht. 1985 fiel die Entscheidung, die im Zentrum Altenas auf dem Bungernplatz gelegenen, denkmalgeschützten historischen Bürgerhäuser Marktstraße 14 - 16 mit gut neunhundert Quadratmetern Nutzfläche für die Stadtbücherei zu restaurieren.
Fachwerk und Decken sollten erhalten bleiben. Als aber im Laufe der Bauarbeiten echter Hausschwamm gefunden wurde, mußten die Gebäude völlig entkernt und mit Stahlbetondecken versehen werden. Es blieben außer dem alten Holztreppenhaus nur die Außenmauern erhalten, und auch die mußten nach Entfernen des alten Putzes außen und innen völlig überarbeitet werden. Der schlichte Naturstein der alten Grauwackehäuser bildet nun eine sehr stilvolle Hülle für die publikumsstärkste Kultureinrichtung der Stadt. Die aufwendigen Baumaßnahmen wurden vom Land großzügig bezuschußt, und auch die Raumnutzungskonzeption sowie Planung und Beschaffung der Inneneinrichtung wurden vom Land über die Staatliche Büchereistelle Hagen entscheidend gefördert. Die anfänglich von Experten auf 1,26 Millionen Mark geschätzten Baukosten sind letztendlich fast auf das Doppelte gestiegen.
Für die Inneneinrichtung ist mit dem weißen Milios-Regalsystem und der farbigen Thonet-Bestuhlung bewußt ein reizvoller Kontrast zu Naturstein und schweren Balken gebildet worden.
Beide Häuser sind im Erdgeschoß und im Obergeschoß miteinander verbunden und bieten genug Raum zur übersichtlichen Bestandspräsentation.
Durch die restaurierte, hohe zweiflügelige Haustür im Hause 14 und einen anschließenden Windfang führt der Weg in den mit Fliesen ausgelegten Eingangsbereich, dessen Blickfang die gemauerte, symmetrische Verbuchungstheke bildet.

(Foto: Weimann)
Den Übergang zum Nahbereich mit Büchertürmen, Vitrinen und Pinnwänden bildet eine nicht geradlinig verlaufende Nahtstelle zwischen Fliesen und Teppichboden. Vom Nahbereich aus gesehen, schließt sich geradeaus ein Lesecafe mit vierzig Zeitschriften und Zeitungen an. Hier laden Kaffeehaustische und Stühle zum Verweilen, Miteinanderreden und gemütlichen Kaffeetrinken ein. Rechts führt der Weg vom Nahbereich aus über den Parkettboden des Holztreppenhauses zum Bestand der »Schönen Literatur«.
Links vom Nahbereich liegt im Hause 16 die Kinder- und Jugendbücherei mit ausreichenden Sitzund Spielgelegenheiten und eigenem Beratungsplatz. Die neu angeschafften Kindercassetten können über Cassettenrecorder, die in den Fensternischen auf Arbeitsplätzen installiert sind, mit Kopfhörern abgehört werden. Von der Verbuchungstheke aus ist ein Gewölbekeller zu erreichen, der mit seinem bis in die fünfziger Jahre benutzten Brunnen eine reizvolle Umgebung für kleine Veranstaltungen bietet. Darüber hinaus wird der Gewölbekeller als Mitarbeiterraum genutzt.
Das Holztreppenhaus erschließt das Obergeschoß mit der gesamten Sachliteratur. Diese ist, beginnend mit der ASB-Hauptklasse »A« in unmittelbarer Nähe des Auskunftsplatzes bis zur Hauptklasse »Y«, in einer Abfolge übersichtlich aufgestellt. Als zusätzliches Angebot ist eine Informationsecke mit Broschürensammlung geplant. Die Nachschlagewerke sind in den Ausleihbestand integriert, da sich rundherum Arbeitsplätze in den Fensternischen befinden. Das Treppenhaus führt weiter vom Obergeschoß ins Dachgeschoß mit einem großzügigen Vortragsraum für siebzig Personen sowie einem Büro für die technische Buchbearbeitung. Dieses Büro ist über einen Lastenaufzug mit dem Obergeschoß und dem Erdgeschoß verbunden.
Im Obergeschoß des Hauses 16 befinden sich über der Kinder- und Jugendbücherei noch zwei Büros für Buchereileitung und Verwaltung sowie zwei Wohnungen mit separatem, neu gebautem Treppenhaus und Eingang. Darüber liegt im Dachgeschoß ein großflächiges Magazin.
Die guten Wünsche, die der Bürgermeister, die Architektin, der Leiter der Staatlichen Büchereistelle Hagen, Johannes Traub, und der Rektor der Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln, Dr. Engelbert Plassmann, als Festredner der Stadtbücherei am Eröffnungstage mit auf den Weg gaben, haben sich insoweit bereits erfüllt, als sich von der riesigen Zahl der interessierten Besucher im Februar und März bereits 768 als neue Leser anmeldeten. Pro Woche wurden mindestens zwei Klassenführungen durchgeführt. Die Ausleihe hat sich gegenüber dem Vergleichszeitraum in 1988 verdoppelt. .
Um dieser erwarteten Steigerung der Büchereibenutzung im neuen Gebäude gewachsen zu sein, wurde bereits 1986 mit den ersten Vorarbeiten zur EDV-Einführung begonnen. Im Rahmen einer zweijährigen AB-Maßnahme systematisierten ein Diplombibliothekar und zwei Assistentinnen den etwa 10.000 Bände umfassenden Sachbuchbestand unter Zuhilfenahme der Bochumer Microfichekataloge auf eine in Teilbereichen gekürzte und geänderte Version der Bochumer Systematik (BOKLA) um. Im nächsten Schritt wurden, nach Übernahme der BOKLA in den Datenbestand der Kommunalen Datenverarbeitungszentrale Hellweg Sauerland (KDVZ), die Änderungen an der BOKLA mit dem Programm BASIS-E durch die Stadtbücherei Altena am Terminal im Pilotprojekt online nachvollzogen. Die gültige Notationsdatenbank bildet die Grundlage für das nächste unmittelbar bevorstehende Pilotprojekt, die Umstellung der Katalogisierung auf EDV mit einer um Online-Recherchen erweiterten Version des Katalogisierungsprogrammes BASIS-K.
Der wichtigste Schritt zur Entlastung von Routinearbeiten erfolgte unmittelbar vor dem Umzug der Bücherei in der zweimonatigen Schließungszeit. Der gesamte Altbestand wurde mit Strichcodeetiketten versehen, um bei Neueröffnung die Ausleihverbuchung vom aufwendigen Buchkartenverfahren auf die bereits von anderen Büchereien erfolgreich eingesetzte Online-Ausleihverbuchung der KDVZ umzustellen. Bis zur geplanten Altbestandskatalogisierung, für die die Bochumer Mediendatenbank sowie DB-Daten zur Verfügung stehen werden, sind statt Kurztiteln zu den Verbuchungsnunimern zwar nur zweistellige Notationen gespeichert - zur Titelbestimmung muß also noch auf manuell geführte Nummernkataloge zurückgegriffen werden -, trotzdem brachte der EDV-Einsatz eine spürbare Entlastung; anders wäre die Verdoppelung der Ausleihen bei bisher gleicher Personalstärke nicht zu verkraften gewesen.
Bleibt noch zu wünschen, daß der jährliche Medienetat von knapp 40.000 Mark bald kräftig erhöht wird, um den Bestand aktualisieren und erweitern zu können. Der Anfang zur benutzerfreundlicheren Bibliothek ist jedenfalls mit neuem Gebäude, zentraler Lage, übersichtlicher Aufstellung, klar gegliedertem Leitsystem, verlängerten Öffnungszeiten und verbessertem Service durch EDV gemacht.
Wer je auf der A 45 Lüdenscheid passiert, möge es nicht versäumen, die Abfahrt Lüdenscheid-Nord nach Altena zu nehmen, um sich die Stadtbücherei anzusehen und auf einen Kaffee zu bleiben.
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Engelbert Plassmann zur Eröffnung des Neubaus der Stadtbücherei Altena (Auszug):
Kleinen Geistern liegt nichts an Büchern. Böse Geister lassen Bücher verbrennen; gerade unsere deutsche Geschichte belegt dies, Gott sei's geklagt. Großen Geistern und guten Geistern aber liegt an Büchern; sie lassen sie sammeln und lassen sie präsentieren, lesen, ausleihen, sie bauen ihnen ein Haus. So ist dies eine Stunde der guten Geister.
Karl Friedrich Everke, Verfasser des für jeden Kommunalpolitiker und -beamten lesenswerten Büchleins »Die Ohnmacht der Ratsherren«, schreibt leider nicht ohne Grund: »Überhaupt, Kultur wird in Stadt und Land viel mehr in Kauf genommen als gesucht. Viele von jenen, die sie suchen, tun es, um als verständig erkannt zu werden 1 Gesprochen wird in dem Zusammenhang nur von Theatern, Orchestern, Museen; Bibliotheken werden nicht erwähnt. Das ist in Altena anders! Der wichtigste Bestandteil kommunaler Kulturpflege hat in dieser Stadt seinen gebührenden Platz.
Den Ratsherren sage ich: Erhalten Sie der Bibliothek diesen Platz, bauen Sie ihn weiter aus. Im Zeitalter der »Informationsgesellschaft« kommen große weitere Aufgaben auf die Bibliothek zu. Reagieren Sie auf die kürzeren Arbeitszeiten weiter Bevölkerungskreise mit längeren Öffnungszeiten. Stellen Sie Bibliothekare ein, damit die Bürger der Stadt sich über alles informieren können, was sie brauchen; hier sollten die Amerikaner Vorbild sein, die »Erfinder« der Public Libraries: Als der Industrielle und Multimillionär Andrew Carnegie im vorigen Jahrhundert zahlreiche Bibliotheksgebäude hatte errichten lassen, um sie alsdann den Kommunen als eigenverantwortlichen Trägern zu überlassen, reagierten diese auf die kürzer werdenden Arbeitszeiten der Bevölkerung mit längeren Öffnungszeiten der öffentlichen Büchereien. Investitionen in die Bibliothek sind echte Zukunftsinvestitionen, Investitionen, die nicht nur Angenehmes betreffen, sondern Nützliches, ja Notwendiges.
1 Karl Friedrich Everke: Die Ohnmacht der Ratsherren: Anmerkungen zu zeitlosen Fragen der Kommunalpolitik. Recklinghausen: Kommunal-Verlag, 2. Auflage 1977.
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Stadtbücherei Altena
Einwohnerzahl
Altena: rund 24 000
Anschrift.
Marktstraße 14—16 5990 Altena (Westfalen) Telefon (0 23 52} 2 10 18
Leitung
Diplom-Bibliothekar Antonius Gusik
Baumaßnahme
Sanierung zweier verbundener historischer Bürgerhäuser im Stadtkern. Planung durch Architekturbüro Hubert Ossenberg-Engels (Altena) und Baudezernat der Stadt Altena, unterstützt durch die Staatliche Büchereistelle Hagen. Wiedereröffnung nach zweimonatiger Schließung für EDV-Umstellung und Umzug am 28. Januar 1989.
Nutzfläche
rund neunhundert Quadratmeter
Gebäudegliederung
Kellergeschoß: Gewölbekeller mit Brunnen als Sozialraum und Veranstaltungsraum (bis zwanzig Personen); Toiletten, Abstellräume
Erdgeschoß: zentrale Verbuchung mit Ta-schenschränken und Garderobe; Nahbereich; Lesecafe mit Zeitschriften; Schöne Literatur; Kinder- und Jugendbücherei
Obergeschoß: Information, Beratung; Auswärtiger Leihverkehr; Sachliteratur; Raum für Erweiterung der Schönen Literatur; Verwaltung; zwei Wohnungen
Dachgeschoß: Vortragsraum für siebzig Personen; technische Buchbearbeitung; Magazin
Einrichtung
milios-Regalsystem weiß (Omnithek) Geräteausstattung:
1 DIN A4/A3-Kopierer für Benutzer
1 Karteikartenkopierer
1 Mikrofichelesegerät für ALV
2 Terminals an der Verbuchungstheke 1 Terminal am Informationsplatz 5 Cassettenrecorder mit Kopfhörern 1 Bücherwagen-Aufzug über drei Etagen
Kosten
Bausanierung rund 2,45 Millionen Mark Einrichtung rund 150 000 Mark
Landesförderung: Städtebauförderungsmittel rund 1,4 Millionen Mark; für Einrichtung 50 000 Mark; für Medienetat 15 000 Mark
Personal
Stellenplan 1988: zwei bibliothekarische, drei Assistenten-Stellen
Medienbestand
einschließlich der vier Zweigstellen: rund 24 000; Zielbestand 45 000 Medieneinheiten
Medienetat
1988: 40 500 Mark
Öffnungszeiten
28 Stunden pro Woche an vier Tagen:
Mo, Di, Do, Fr 10-13 und 14-18 Uhr
Quelle: BuB 41 (1989) Heft 5, S. 460-462



